Ein Blick zurück in die Anfänge des Vereins Schomre Thora Basel lässt die Entwicklung der Vereinstätigkeiten in vielerlei Hinsicht als Bogen nachzeichnen: Die Grundidee der Schomre Thora Basel war den ersten Statuten des Vereins von 1896 zufolge, eine Interessensgemeinschaft zur Förderung jüdischen Wissens innerhalb der Einheitsgemeinde zu schaffen, wobei zunächst die Erwachsenenbildung im Vordergrund der Aktivitäten stand. 

 

Die bald darauf aufgenommene Verantwortung, für die erweiterte Bildung der eigenen Jugend zu sorgen, gerät aber heute nach einer blühenden Zeit wegen der demographischen Lage wieder in den Hintergrund. So zählt deshalb die Erwachsenenbildung wieder zum Kerngeschäft der Schomre Thora. In der Tradition der um 1900 entstandenen Vereine betrieb die Schomre Thora neben diesem Vereinszweck ein reges Vereinsleben mit Festen und Zusammenkünften. Mit den Jubiläen und den mit Essen kombinierten Vortragsreihen schuf die jüngere Vorstandsgeneration eine zeitgemässe Form von geselligen Anlässen.

Dennoch ist die Geschichte der Schomre Thora auch eine bewegte Geschichte von ständigen Veränderungen, die aufgrund wechselnder Gemeindestrukturen und dem Wandel des Stellenwerts von Tradition und Religion immer wieder nötig wurden. War die Schomre Thora Basel zunächst eine treue Gefolgschaft eines charismatischen Rabbiners, entwickelte sie sich bald zu einer Institution, in der sich eine weltoffene Gemeindeorthodoxie entfalten konnte. So sehr ihre Gründung auch als politischer Akt gewertet werden kann, wirkte die Schomre Thora nicht durch Taten, sondern vielmehr rein durch ihre Existenz. Als Hort der Orthodoxie bildete sie die Gegenkraft zu ständig wiederkehrenden Reformbestrebungen ohne direkt in die Gemeindetätigkeiten einzugreifen. Mit der Gründung der IRG musste die Schomre Thora ihre religiöse Ausrichtung neu definieren. Sollte sie sich der Philosophie der Austrittsgemeinde annähern, deren Erfinder doch derselbe Rabbiner Hirsch aus Frankfurt war, auf den sich die Schomre Thora ständig berief? Die Verantwortlichen wagten mit ihrem Beschluss, sich als der IGB nahestehenden Institution zu begreifen, den Drahtseilakt zwischen geistiger Öffnung und Wertekonservatismus. In diesem Zusammenhang bemerkt Emanuel Lang treffend: „Sie leistete einen wichtigen Beitrag zur Bewahrung des traditionellen Charakters der Basler Einheitsgemeinde.“ Damit ist ausgedrückt, dass die religiöse Entwicklung der IGB grösstenteils auf die in der Schomre Thora Basel gelehrten Inhalte aufbauen konnte. Die Schomre Thora orientierte sich ihrerseits bei der Vermittlung von jüdischem Wissen verstärkt an die Bedürfnisse der IGB. Der Historiker, Urs Draeger portraitiert im Jahr 2001 das Gemeindeleben in der IGB wie folgt: "Die Basler Einheitsgemeinde vereint das gesamte religiöse Spektrum, von den ultraorthodoxen bis zu den liberalsten Jüdinnen und Juden, unter ihrem Dach. So lange alles seinen gewohnten Lauf nimmt, können die weit auseinander stehenden religiösen Standpunkte durch gegenseitiges Entgegenkommen überbrückt werden." Die Leistung der Schomre Thora war dabei, einerseits die Gemeindeorthodoxie fern von Fanatismus und Lebensferne zu bewahren, andererseits auch in nicht-observanten Kreisen für ein Verständnis der Bedürfnisse observanter Gemeindemitglieder zu sorgen. Somit prägte der Verein den Einheitscharakter der IGB entscheidend mit und trug somit dazu bei, dass das Modell der Einheitsgemeinde bis in die heutige Zeit grundsätzlich in Basel erfolgreich standhielt.

Durch die Schwerpunktverlagerung in gesellige Anlässe und Erwachsenenbildung konnte die Schomre Thora ihre wichtige gesellschaftliche Stellung innerhalb der IGB behalten. So ist die Schomre Thora heute eine der aktivsten Vereine, die Aktivitäten für jüdische Personen jedwelcher religiöser Ausrichtung anbieten. Mit einem breiten Programm von deutsch-, englisch-, französisch- und hebräischsprachigen Kursen und Vorträgen passt sie sich den neusten Bedürfnissen einer von globalen gesellschaftlichen Prozessen nicht unberührten Einheitsgemeinde an ohne ihre eigentliche Zwecksbestimmung zu vernachlässigen.


Leonardo E. Leupin: „Jeder Durstige komme zum Wasser" – Die Geschichte der Schomre Thora Basel 1895-2010 (Festschrift zum 115jährigen Jubiläum ihres Bestehens), 96 Seiten mit 36 s/w Abbildungen. 

ISBN: 978-3-033-02436-6